Urlaub mal anders …

Westliche Ostsee, Kattegat und Skagerak … mit Regattaeinlage

Reiseroute Sommer 2018
Reiseroute Sommer 2018

Für den Sommer 2018 hatte ich mir nach einem glimpflich ausgegangenen Déjà-vu bei den üblichen Frühjahrsarbeiten am Boot vorgenommen, etwas mehr Segelzeit auf See zu verbringen. Dazu erschien mir ein Törn durch die schwedischen Westschären reizvoll, wo ich schon lange nicht mehr war. Durch die Anreise ab deutscher Küste lagen auch gleichzeitig alle dänischen Inseln vor dem Bug. Es könnte also eine abwechslungsreiche Tour werden?

Wird es auch, denn gleichzeitig ist ja mit 6 anderen H-Booten die Teilnahme am legendären Rennen “Sjaelland Rundt“ verabredet. Also sollte ich wohl rechtzeitig aufbrechen, wenn ich auf dem Seewege anreisen will.

Im Langeland Belt
Im Langeland Belt

Der Start erfolgt nach unspektakulärer Traileranfahrt und ruhigem Seeklarmachen am 21. Juni von der Mittelmann’s Werft in Kappeln an der Schlei, wo ich freundliche Unterstützung erhalte, wann immer ich sie benötige. In etwa 4 Tagen will ich die knapp 170 sm nach Helsingör am Öresund (DEN) ersegeln. Über die Etappenhäfen Spodsbjerg auf Langeland, Kalvehage im Süden Sjaellands und Dragör im NE Sjaellands gelingt das auch. Das Wetter verlangt mir allerdings einen harten Einstand ab. Starke Winde und ausgeprägter Seegang erfordern Aufmerksamkeit und Kondition in der westl. Ostsee und im Smalands Fahrwasser. Gleich am ersten Tag bis zu 8 Bft habe ich mir nicht gewünscht. Doch so habe ich schnell die Routine im doppelten Reffen und Fockwechseln wiedererlangt.

Auf nach Schweden
Auf nach Schweden

Was für eine Freude bei der Ankunft im Schatten des Schlosses Kronborg, die alten Pappenheimer der H-Boot-Fahrtenseglerriege wieder zu sehen. Einige, schöne Sommertage vergehen mit kleineren Reparaturen, Besorgungen und sonstigen Vorbereitungen auf das bevorstehende Rennen, vor allem aber mit viel Geselligkeit. Wir haben uns viel zu erzählen. Leider ist unser Freund Henning aus Hamburg nicht mit dabei, er erholt sich gerade von schwerer Krankheit. So werden aus 7 Meldungen nur 6 Starter. Den detaillierten Bericht zum “Sjaelland Rundt 2018“ habe ich gesondert verfasst, siehe dort.

Nachtfahrt
Nachtfahrt

Es bedarf einiger Tage Erholung, bevor es mich weiter treibt. Per Nachtfahrt wird nach Halmstad in Südschweden verholt. Dort besuche ich Dieter und Karin, alte Freunde. Das Wiedersehen wird herzlich. In ihrem abgelegenen Sommerhaus verbringen wir einige Tage gemeinsam. In dieser Zeit herrscht in Schweden große Trockenheit und 40 Waldbrände verbreiten ernste Sorgen auf dem Lande. Sommerhäuser sind aus Holz und werden üblicherweise per Brunnen mit Trinkwasser versorgt. Der Pegel ist beängstigend gesunken. Es muss gespart werden. Die reinsten Bordverhältnisse.

Schlepphilfe in Halmstad
Schlepphilfe in Halmstad

Von Halmstad an geht es nun nordwärts und zwar in bequemen Etappen. Die Bolzerei soll ein Ende haben; soll! Über Varberg, hier hat vor Jahren eine H-Boot-WM stattgefunden, Falkenberg, ankern im Fjord Malö Hamn und weiter bis Vinga Fyr, dem in früheren Jahrhunderten umkämpften Außenposten Göteborgs mit der markanten Richtbake. Feines Aufkreuzen bei sehr sommerlichen Temperaturen, oft hautnah vorbei an glattgescheuerten Granitfelsen; zu guter Letzt durch den Großschifffahrtsweg Göteborg - Kattegat. So manches Ausweichmanöver muss für die Großschifffahrt gefahren werden …

Vinga Fyr voraus
Vinga Fyr voraus
Felsdurchfahrt nach Marstrand
Felsdurchfahrt nach Marstrand

Via Marstrand, wo ebenfalls vor Jahren eine H-Boot-WM stattgefunden hat, in zauberhafte Naturhäfen zwischen schroffen Felsen. Das Fahrwasser verläuft manchmal an flachen, kaum über dem Wasser wahrzunehmenden Felsen vorbei, die beim Aufkreuzen wohlbeachtet sein wollen. Wo Möwen “beim Schwimmen“ ihre Beine zeigen, da darf ich nicht hin ! Es sind die kleinen Sternchen und Kreuzchen in der Seekarte, die man hier besser umfährt. Zur Abwechslung hier und da eine Seilfähre, die zum spontanen Kreiseln nötigt. Das Störendste ist allerdings der oftmals unbeschreiblich dichte Bootsverkehr. Ganz Schweden hat Ferien im Juli, die meisten Betriebe sind geschlossen und das Volk befindet sich auf dem Wasser. Wenn dann die mit reichlich Pferdestärken ausgestatten Motoryachten mit 20 kn im 2 -3 m Abstand passieren, vergeht die Gemütlichkeit. Manchmal ist es der helle Wahnsinn. Im Sotenkanal, schon recht weit im Norden, muss ich vor einer Drehbrücke wegen rücksichtsloser oder blinder Motorbootfahrer ein Notausweichmanöver fahren, in dessen Verlauf die Außenborderhalterung verbogen wird. Der Motor hängt schief, der Schlitten lässt sich nicht mehr aufholen, Begeisterung kommt auf. So kann ich nicht über See, das ist klar. Es dauert 2 Tage, bis ich Hamburgsund erreiche, wo ein Schweißer spontan und ohne Termin für die übernächste Woche bereit ist, das Edelstahlteilchen zu richten und zu schweißen. Es ist für meinen Geschmack ein bisschen grob ausgefallen, aber … es funktioniert.

ÖPNV auf schwedisch
ÖPNV auf schwedisch

Diverse Schären u. a. Kälkerön und Hallö laden zum Schärenankern ein. Heckanker weit achteraus, vierkant zum Fels, Bug einen halben Meter vor dem Fels abgestoppt, 2 Klippanker eingeschlagen und fest. Doch mehr Ruhe finde ich in größeren Fjorden vor Anker mit weniger Ankerliegern, als am Fels. Baden hinterm Heck verlockt an vielen Sommertagen, einfach herrlich. Nur einmal war Schwimmen wegen Quallenplage nicht möglich. Ich halte das Boot immer so ausgerüstet, dass es für einige Tage autark ist. So kann ich spontan bleiben und erst weiter, wenn ich Lust und Laune habe. Strom kann vor Anker gespart werden, dann ist anschließend für den Pinnenpiloten immer noch genügend vorhanden.

Schäre Hallö
Schäre Hallö
Schärenankern
Schärenankern

Udevalla am tiefen Einschnitt des Havstenfjords mit bedeutendem Holzhafen, die Bilderbuchstädtchen Lysekil – wo ich Lars, Rita und Nils aus Trollhättan kennen lerne, Smögen und Mollösund liegen auf meinem Weg. Der Touristenrummel lässt mich aber jedes Mal schnell wieder abreisen. In aller Abgeschiedenheit darf ich das astronomische Schauspiel des Jahres erleben: der Blutmond zeigt sich in voller Pracht am späten Abendhimmel. Dazu die Schatten der umgebenden Felsen, das leichte Glucksen am Rumpf, ein Glas Rotwein in der Hand und warme Luft um den Buckel. Geht’s noch besser?

Plumpsklo mit Aussicht
Plumpsklo mit Aussicht

Bei der Inselgruppe Väderöarna, Anfang August, denke ich über den Heimweg nach. So allmählich wird’s wohl Zeit für mich, trotz des herrlichen Sommerwetters. Und bis nach Hause ist es noch ein Stückchen: das Skagerak, das gesamte Kattegat, der Große oder Kleine Belt und die westliche Ostsee. Na denn …

Busverbindung in den Schären
Busverbindung in den Schären

Das Skagerak zeigt sich am Tage meiner Überquerung moderat. Bei SW-Kurs komme ich mit einem Reff und der Schwerwetterfock aus. Keine schlimme Schufterei. Das ist doch schon mal was oder? Vor Skagen durchfahre ich eine große Reede, wo im Leeschutz der Jütländischen Landspitze zahlreiche, große Frachter ankern. Manchmal nimmt unvermittelt einer davon Fahrt auf, dann muss ich mich rasch verdünnisieren. Die Stadt selber ist von der Fischereiseefahrt beherrscht. Gewaltige, moderne Trawler werden hier repariert oder ausgerüstet. Ich habe Glück, dass ich im Seglerhafen des örtlichen Clubs gelandet bin. Zwar ist der Weg in die Stadt ½ h weit, aber dafür liege ich ruhig und fernab des Gedränges der Cityhafenbecken mit den Riesenyachten. Da bleibe ich doch gerne mal einen Extratag …

Energiesparhaus auf Laesö
Energiesparhaus auf Laesö

Von Skagen segle ich zur Insel Laesö (DEN), der nördlichsten im Kattegat. Der Hafen Österby ist proppenvoll und nahe der Verzweiflung (am Abend!) ruft und winkt mich ein freundlicher Mensch in die hinterste Ecke. Da komme ich nie wieder raus, denke ich, denn wegen der vielen Päckchenlieger ist gerade mal eine Durchfahrt möglich, es gibt keinen Wenderaum. Aber was man nicht alles macht, wenn keine besseren Aussichten bestehen. Es ist tatsächlich eine geniale Box, nahe an Land und kein Boot kann sich davor oder ins Päckchen legen. Super. Jetzt ein Einlaufbierchen (Royal Classic) mit diesem Typen im Sailors Pub direkt am Stegende, von wo er mich gesehen hat. Spricht tadellos Deutsch, ja sowas. Immer mal wieder gibt es sehr nette Überraschungen und neue Bekanntschaften während dieser Reise. Der Liegeplatz ist Gold wert, denn nach meinem Fahrradausflugstag folgen 2 Tage Sturm, in der Spitze 51 kn laut dänischer Nachbaryacht. Da hätte ich nicht im Päckchen liegen mögen. Der Sand des Strandes jenseits des Wellenbrechers in Luv liegt anschließend auf Semper Fidelis! Na ja, wenigstens ein Teil davon. Laesö lebt vom und für den Hummer. Ich fühle mich ermutigt, einmal Hummer zum Dinner selbst zu bereiten, nachdem ein uriger Typ im Hafenladen mir erklärt, wie einfach das sei. Ich bin skeptisch, aber es haut hin. Da der Chablis nicht gekühlt ist, haben ein paar kühle Bierchen den Genuss komplettieren müssen. Überhaupt hat es auf Semper Fidelis oft und alle möglichen Arten an Fisch gegeben, wenn die Möglichkeit sich ergeben hat. Und das mit den einfachen Bordmitteln, richtig klasse.

Bis Anholt sind es nur 50 sm, aber bei launischem Wind komme ich gerade nach Sonnenuntergang bei letztem Büchsenlicht an und mache meine Achterleine an einer Mooring fest. Auch hier verweile ich einen Extra-Inseltag, bevor es nach Grenaa und Ballen auf Samsö weiter geht. Eine elendige Flaute hat mich südlich des großen Windparks bei Anholt zur Kursänderung nach Grenaa bewegt. Bis Samsö hätte mein 5 l Benzinvorrat nicht gereicht. Der spätere Weg nach Samsö wird sehr feucht, ausnahmsweise kommt die Nässe von oben. Alle Welt wartet an Land auf Regen, nur ich nicht. Ist ja feucht genug drum herum. Sei’s drum, kaum eine Handvoll Regentage hat es auf diesem Törn insgesamt gegeben, da will ich mich nicht beklagen.

Waschküche
Waschküche

In Ballen gibt es noch die im Norden als ausgestorben wahrgenommene Spezies “lebendiger Hafenmeister“, die anderen heißen alle “Betaalautomat“. Auf dem unbequemen Weg nach Julsminde sehe ich einige Schweinswale. Das Wetter wechselt in beeindruckender Schnelligkeit, von Flaute auf Windstärke 5 -  freilich gegenan - und wieder auf Flaute, bedrohliche Gewitterwolken, die glücklicherweise seitlich vorbei ziehen und eine Kreuzsee, die ihresgleichen sucht. Ein mühseliges Vorankommen. Dafür werde ich mit Hafenfest und großer Geselligkeit entschädigt. Waschtag und Sightseeing sind mal wieder fällig. Die tägliche Flaggenparade wird auf der Mole des alten Hafens mit Trompeter zelebriert.

Besucher
Besucher

Der Weg zum Kleinen Belt ist eigentlich nicht weit, aber beschwerlicher als erwartet. Auslaufen bei NE 5 und mittags gibt’s SE 7. Die Böen sind noch härter und das Aufkreuzen zu den Brücken von Middelfahrt zwischen großen Ankerliegern ist Schwerarbeit. Durch wechselnde Abdeckungen im nördlichen, gewundenen Kleinen Belt wechseln sich Flaute mit irren Böen ab. Zum Glück erreiche ich am späten Nachmittag den Fanösund. Hier wird’s ruhiger und im Lystbadehavn gibt’s ein Plätzchen für die Nacht. Dies scheint der Ort zu sein, wo man das absolute Abkassieren erfunden hat. Wäre ich doch besser draußen vor Anker geblieben.

Per Blumentopfheizung werden die nassen Klamotten in der Kajüte über Nacht einigermaßen getrocknet; Waschküche … Bald geht es wieder vorbei an kleinen Inseln, Fährlinien und Leuchtfeuern, bis in der Dyvig / Insel Als der Anker fällt. Eine faszinierende, sternenklare Ankernacht entschädigt mich für die vorherige Abzocke. Der Große Wagen überm Bug, die Cassiopeia achteraus, der Schleier der Milchstraße über mir, ruhiges Wasser und ein Glas guten Rotweins. Da ist der Segler dankbar.  Am Ankertau schaut mich am anderen Morgen ein großer Taschenkrebs an. Er fühlt sich daran offenbar sehr wohl, aber bevor ich das Geschirr an Bord nehme, muss er dennoch weichen. Der Kurs über den Als Fjord und den Als Sund führt mich bei recht durchwachsenen Windverhältnissen nach Sonderborg. An der Klappbrücke habe ich glücklicherweise nur eine kurze Wartezeit. Nach einer halben Seemeile bin ich in der Marina und höre am Hafenkiosk beim selbstverordneten Enlaufbierchen mit Hotdog Bft 8 über den Hafen rauschen. Wie schön, dass ich “drin bin“. Witzigerweise treffe ich hier Freund Arne aus Kiel wieder, mit dem ich in den Schären einige Meilen gemeinsam singlehanded unterwegs gewesen bin. Mit einem Freund unternimmt er einen Wochenendtrip hierher. Wir freuen uns.

Der Skipper: Michael Röhrig
Der Skipper: Michael Röhrig

Für den nächsten Tag werden moderate Verhältnisse versprochen, doch schon bald ist auf dem Weg zur Schlei das 1. Reff eingebunden und bei Lth Kalkgrund fegt reichlich Gischt über Deck. Ein unangenehmes Kabbelwasser bei E 5 Bft. Wie im Tollhaus schlägt der Wind auf W um und wieder zurück auf E. In Leeschutz der Küste südlich Lth Schleimünde berge ich dicht unter Land das Großsegel und gehe unter Fock mit Motor standby in die Schlei. Da der Wind wieder auf W gedreht hat, wird es bis Kappeln eine arbeitseinfache Motorfahrt. Bis jetzt habe ich insgesamt 1.020,3 sm versegelt. In Kappeln unterbreche ich für ein paar Tage meinen Törn, um Daheim die Regatten zur Essener Segelwoche mitzusegeln. Es wird mir ein Boot zur Verfügung gestellt und so brauche ich nur “das bisschen“ Schmutzwäsche mitzunehmen. Bald kehre ich zurück, um mit 7 weiteren Boote den alljährlichen Flottillentörn der H-Boot-Klassenvereinigung zu segeln.

Michael Röhrig
GER 1176 / Semper Fidelis
Obmann Fahrtensegeln
Deutsche H-Boot Klassenvereinigung

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