Flynn setzt mit  seinem Vater die Segel.

Die H-Boot-Familie – mehr als Regattasegeln

We are young, we are free, we are the H-Boot Family!

Ein Zitat von der IDM 2026, mit welchem mein 11jähriger Sohn ein nervenaufreibendes H-Boot Wochenende absolut auf den Punkt gebracht hat.

Seit über 20 Jahren segel ich H-Boot, fast genauso lange auf der GER1393. In den meisten Fällen als Vorschoterin.

Beim Cocktail Cup, der Vorregatta zur Deutschen Meisterschaft beim TSCs, durfte ich dieses vertraute Schiff selbst steuern – nach langer Zeit wieder einmal am Ruder und mit entsprechend viel Respekt vor der Aufgabe, zumal viel Wind angekündigt war.

Unser Sohn ist auf dem H-Boot im wahrsten Sinne groß geworden. Seit er vier Jahre alt ist, segelt er mit uns auf der GER 1393. Inzwischen ist er ein aktives Mitglied an Bord und steuert auch selber seinen Opti über die Regattabahn. Trotzdem ist das H-Boot für ihn und für uns etwas ganz Eigenes: ein Schiff, das für gemeinsame Zeit, Regatta, Lernen und viele Erinnerungen steht. Es sitzen mit dem Eigner Christoph und unserer Familie drei Generationen auf diesem Schiff.

Am Samstag des Cocktail Cups waren wir bei gutem Wind auf der Regattabahn unterwegs.  Den Spinnaker ließen wir bewusst unten, mit dem Wind, der neuen Crew Kombination und einem 11jährigen am Spinnakerbaum, gingen wir auf Nummer sicher. Unser Motto war Spaß haben, nicht letzte werden und die gemeinsame Zeit auf diesem Schiff genießen. Das hatte am Samstag auch wunderbar funktioniert.

Wir hatten eine schöne Zeit und am Abend wurde wie üblich die Manöver besprochen und über den doch sehr speziellen Wind am Tegeler See philosophiert. Den ein oder anderen Tipp erhielten wir natürlich auch. Soweit ein normaler Samstagabend auf einer H-Boot Regatta.

Für Sonntag war jedoch noch mehr Wind angekündigt. Ganz H-Boot-like holte ich mir deshalb noch eine Vorschoterin dazu – mit der leisen Hoffnung, vielleicht doch Spinnaker segeln zu können. Wir groovten uns immer besser ein, die Manöver saßen zunehmend, ich fühlte mich am Steuer sicherer und wir fuhren eine richtig gute Starkwindkreuz. Wir waren definitiv nicht letzte und ich freute mich, dass dieses sonst so schnelle Schiff, nun auch in dieser Crew Kombi mithielt.  

Kurz vor der Luvtonne kam die letzte Wende. Dann: ein Knack. Ich glaube dieses Geräusch werde ich so schnell nicht mehr vergessen und vor allem nicht die darauffolgenden 48h.

Der Mast kam runter, etwas was man aus Geschichten von langjährigen Seglern immer mal gehört hat, aber bei Sturm und Gewitter.  Für einen Moment herrschte absolute Schockstarre. Die Deutsche Meisterschaft in der folgenden Woche, schien in diesem Augenblick nicht mehr möglich. Wir hatten keinen Mast mehr, es galt Schadensbegrenzung zu machen. Niemandem war etwas passiert aber der Mast und die Segel mussten schnellstmöglich aus dem Wasser. Mit Hilfe eines großartigen Motorbootteams des TSCs gelang es, den Mast zu bergen und die Segel nahezu unbeschädigt aus dem Wasser zu bekommen. Anschließend wurden wir zurück in den Hafen geschleppt, die Emotionen auf dem Schiff waren unendlich groß, aber der Gedanke das ist doch jetzt nicht wirklich passiert, ging mir durchgängig durch den Kopf.

Und dann passierte genau das, was für mich diese H-Boot-Klasse so besonders macht. Kaum war ich am Steg, wurde nicht lange diskutiert. Es wurde geholfen. Vom TSCs kam völlig unkompliziert und unkonventionell die Möglichkeit, einen Ersatzmast zu nutzen: sinngemäß einfach „Da liegt einer – nehmt ihn und schaut, dass ihr wieder aufs Wasser kommt.“

Damit nicht genug: Uns wurden sogar komplette Boote angeboten, mit denen wir die Deutsche Meisterschaft hätten segeln können – nur damit wir überhaupt teilnehmen können. Diese Bereitschaft, Material, Boote und Zeit zur Verfügung zu stellen, ohne großes Zögern, hat mich tief beeindruckt. Es ging in diesem Moment der gesamten Klasse nicht darum, wessen Problem das war, sondern nur darum, wie man es gemeinsam lösen kann.

Unser Sohn wurde in dem ganzen Trubel von so vielen Menschen abgeholt und begleitet, dass auch er nach diesem Erlebnis im laufe des Sonntages immer zuversichtlicher wurde, dass wir vielleicht wirklich die IDM noch segeln könnten.

Unsere Eigene Region West/Edersee hat uns mit so viel Know-How unterstützt. Sie kamen, fragten was gebraucht wird, brachten Bolzen, Werkzeug, Wissen und vor allem Energie mit. Niemand fragte zuerst, was falsch gelaufen war. Niemand machte Vorwürfe. Es hieß einfach: Was brauchst du? Wo können wir helfen? Innerhalb kürzester Zeit war der alte Mast abgebaut, die Schäden waren für die Versicherung dokumentiert und ein Problem nach dem anderen wurde gelöst.

Und so wurde aus einem Tag, der eigentlich nur mit Schock und Enttäuschung hätte verbunden sein können, am Ende ein erstaunlich guter Tag. Wir haben gemeinsam gearbeitet, improvisiert, technisch unglaublich viel dazugelernt und erlebt, wie souverän eine Gruppe von Menschen ein Problem nach dem nächsten lösen kann. Fünf Stunden später stand wieder ein Mast. Vielleicht nicht perfekt, vielleicht etwas improvisiert – aber er stand. Als Christoph am Sonntagabend ankam, war das Boot im Grunde wieder startklar.

Wir freuten uns am Abend als Crew gemeinsam, dass wir nun die IDM gemeinsam segeln können. Wie gut oder schlecht sollte sich zeigen, denn der Ersatzmast war eben doch ein Ersatz und passt nicht zu unserem sonst üblichen leichten Trimm.

Am Montag, einen Tag vor der IDM, bauten wir gemeinsam schließlich noch einen nagelneuen Mast auf, wir waren ja zum Glück in Berlin und da sind nun mal die technischen Fachexperten. Wir konnten tatsächlich auf einen neuen Mast zurückgreifen. Und wieder wurde ein Problem nach dem nächsten gemeinsam gelöst. Während ich unterstützt wurde, den Ersatzmast wieder abzubauen. Wurde Christoph von allen Seiten unterstützt mit Ruhe und technischem Know-How einen ganz neuen Mast auf das Boot anzupassen.

So standen wir am Dienstag zur Deutschen Meisterschaft ein neuer Mast auf dem Schiff und wir konnten Starten. Vor allem mein Sohn und ich gingen mit einem sehr mulmigen Gefühl aufs Wasser: Hält alles? Passt alles? Funktioniert alles? Es hielt und die wichtigste Frage: Sind wir immer noch schnell? Die Antwort nehme ich vor Weg, ja wir waren schnell viel schneller als wir es uns in den Wochen vor der IDM vorgestellt haben, denn die Leistungsdichte war wirklich hoch. Aber wir haben mit unserem drei Generationen Schiff, auch den Deutschen Meister einmal hinter uns lassen können und einen ersten Platz gefahren. Die Erleichterung war vor allem meinem Sohn und mir anzumerken. Das Schiff war und ist weiterhin mit dem Trimm, Steuermann und der Crew schnell.

Wir hatten eine fantastische Deutsche Meisterschaft beim TSC. Mit jedem Tag kam ein Stück Sicherheit zurück – und irgendwann auch der Humor und die Freude an der gemeinsamen Zeit auf dem Wasser und an Land. So etwas passiert einem als Segler vielleicht einmal im Leben, dem ein oder anderen vielleicht auch zweimal.

Was von dieser Woche fortbesteht, ist deshalb nicht der Schaden am Mast. Es ist das Gefühl, aufgefangen worden zu sein. Es ist die Hilfsbereitschaft am Steg, die Ruhe des Eigners, das Anpacken der Segler vom Edersee die unkomplizierte Unterstützung des TSC und allen Beteiligten und die Erfahrung.

Für mich ist genau das die besondere Kultur der H-Boot-Klasse. Junge Leute werden mitgenommen, dürfen als Vorschoter Erfahrung sammeln, Boote werden verliehen, Wissen wird weitergegeben – und irgendwann entsteht vielleicht aus einem Mitsegler ein neuer H-Boot-Eigner. Diese Offenheit hält eine Klasse lebendig. Und sie schafft eine Verbundenheit, die ich in dieser Herzlichkeit trotz vieler Erfahrungen in anderen Segelklassen nur selten erlebt habe. Ganz nebenbei musste mein Sohn auch als Zeuge in einer Protestverhandlung aussagen, ganz selbstverständlich wurde seine Meinung gehört.

Das H-Boot ist vielleicht nicht das schnellste Regattaschiff. Und ganz sicher ist es nicht immer das bequemste. Aber für mich ist es ein herausforderndes und spannendes Schiff, mit einer Klasse die seines Gleichen sucht.  Auf dem Wasser messen wir uns, fighten um jeden Meter, wir Protestieren gegeneinander. Am Abend sitzen wir wieder zusammen, lachen, erzählen Geschichten und freuen uns miteinander – ganz unabhängig davon, wie der Tag auf dem Wasser gelaufen ist und wer welche Platzierung hat.

Insgesamt sind wir einen 9. Platz gefahren. Ein absolut großartiges Ergebnis und eines der besten welches ich bisher mit der GER1393 einfahren durfte.

Vielen Dank an den TSCs für die tolle IDM. Wir freuen uns auf die nächsten gemeinsamen Regatten!

Isabel, Flynn und Marcel
GER 1393

Zur Übersichtsseite